Sendungsbewusstsein

Die Greueltaten der Missionare scheinen noch nicht genug zu sein. Das Verbreiten der einzigen Wahrheit hat Tradition bei uns. Was damals mit Kreuz und Schwert seinen Einlass in die Gesellschaft fand, breitet sich heute durch ein erhöhtes Selbstbewusstsein aus. Dies wird auch Hybris genannt.

In einem kleinen Landgasthof auf der schwäbischen Alb, welcher zum Goldenen Engel hieß, begab sich eine Geschichte die ich Ihnen ungern vorenthalten möchte.

Das mit dem Goldenen Engel ist wirklich keine dichterische Freiheit …

Eine mit Plastikschmuck behängte, körperfüllige Dame saß an unserem Nachbartisch und schrieb, wie vom Teufel getrieben, viel auf kleine Zettel. Gewagtes Outfit für die Gegend dachte ich mir und schmunzelte. Doch was schrieb sie da? Neben ihr ein Buch: „Herzenstüren öffnen“ – Aha, dachte ich mir: Eine Esoterikerin.

Ich schaute meine Begleiterin an und sie meinte: Die channelt bestimmt Engel. – Ja dann schau Dir doch mal das Buch neben ihr an … meinte ich.

Die gute Dame beglückte Bedienung, Wirt und letztendlich uns mit Botschaften aus der geistigen Welt. Dem Wirt wurde erklärt was er dem Dorf erzählen sollte, damit alle wieder glücklich werden konnten. Der türkischen, sehr hübschen und freundlichen weiblichen Bedienung wurde die Botschaft überreicht, das sie alles Geld in die Türkei überweisen solle, da würde ihr zukünftiger Mann schon auf sie warten und uns wurde nahegelegt, uns doch mit Indigokindern zu beschäftigen.

Als sie hinausschwebte, nachdem sie aus der zu begleichenden Rechnung von 74 Euro 80 Euro gemacht hatte – wegen der Kraft der 8 – was sie mehrfach betonte … hauchte sie uns zu: Ich habe Ihnen eine Tür geöffnet. Sie sind so wundervolle Menschen! … Ihnen allen Licht & Liebe. Ich komme wieder und schaue was sie daraus gemacht haben.

Und weg war sie.

Eigentlich hatten wir ja nur essen gehen wollen.

Als sich unser Entsetzen wieder gelegt hatte, keimte eine nicht unerhebliche Form von Zorn in uns auf. Mit welcher unendlichen (Die Zahl Acht) Vermessenheit konnte es dieser Person einfallen uns eine Tür zu öffnen? Hatten wir darum gebeten? Wurden wir gefragt?

Leider war der Schockmoment zu groß gewesen, um unsererseits zu insistieren. Selbst vor spiritueller bewußtseinserweiternder Körperverletzung ist man heute nicht mehr gefeit … in was für einer Zeit leben wir eigentlich.
Mit Plastikschmuck behängte reiche Witwen übernehmen die Mission. Ignoranz und vollkommene Selbstüberschätzung richten unendlichen Schaden in den zarten Gefühlen von Mitmenschen an und bringen sie ins Schleudern.

Und alles im Namen der Liebe.

Heilandsack!

Selbst wenn wir es als Spinnerei abtun, wenn wieder einmal solch ein Heilsbringer unser Leben mit seiner Verwirrtheit kreuzt … wie sehr kann es einen nicht ganz so gefestigten Menschen treffen … wenn er plötzlich eine Botschaft aus der geistigen Welt überbracht bekommt. Die müssen doch bestimmt Recht haben. Die da – aus der geistigen Welt. Ich nenne so etwas mentale Körperverletzung.
Jedem Menschen sein Leben und seinen Glauben. Wirklich aus ganzem Herzen. Aber auch die Gabe, dies allen anderen Menschen zu lassen, und den Respekt, nur auf Nachfrage vermeintliche Antworten zu geben.

 

[Auszug aus dem Buch Delphinsalat – von Igor Warneck]

 

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